Fallbeispiel
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Krampfadern - Ein Fallbeispiel

Frau Germer ist 39 Jahre alt. Sie befindet sich zur Hautkrebsvorsorge bei Ihrer Hautärztin. Die Ganzkörperuntersuchung ergibt erfreulicherweise keine verdächtigen Leberflecke, alles in Ordnung. Aber die Ärztin entdeckt ein paar Besenreiser an den Beinen.

Ärztin: Sie haben da ja einige Besenreiser.

Frau Germer: Ja seit meiner zweiten Schwangerschaft.

Ärztin: Hatte denn das auch jemand in Ihrer Familie?

Frau Germer: Ja! Meine Mutter, sie hatte richtige Krampfadern.

Ärztin: Haben Sie den in Ihren Schwangerschaften Kompressionsstrümpfe getragen?

Frau Germer: Nein! Hätte ich das denn tun sollen?

Ärztin: Ja, die Druckerhöhung im Bauch und die Größenzunahme der Gebärmutter erschweren mechanisch den Rückfluss des Blutes und die Schwangerschaftshormone erweitern Gefäße, verlangsamen und Verdicken das Blut und begünstigen bei entsprechender genetischer Veranlagung die Entstehung von Krampfadern. Besenreiser sind Krampfadern der feinen Gefäße. Falls Sie also noch einmal schwanger werden möchten, kann ich Ihnen nur empfehlen, vorbeugend Kompressionsstrümpfe der Klasse 2 zu tragen. Sie bewirken einen Gegendruck von außen auf das Beingewebe und können den Aussackungen der Beinvenen entgegen wirken.

Die Ärztin spricht mit Frau Germer über die Möglichkeiten der Therapie.

Frau Germer: Können Sie mir die Besenreiser denn entfernen?

Ärztin: Ja, das ist heutzutage gut möglich. Zwei Methoden kommen zum Einsatz. Beim Veröden mit der Flüssigkeit Aethoxysklerol® wird eigentlich ein Betäubungsmittel, also ein Lokalanästhetikum, das gegen Schmerzen wirkt, verwendet. Es hat aber auch reizende Eigenschaften und führt beim Einspritzen in die Besenreiser zu einem refelexartigen Zusammenziehen, was die Verklebung der Äderchen zur Folge hat. Zusätzlich oder auch stattdessen können Besenreiser sehr effektiv mit einem langgepulsten NeodymYag-Laser durch Laserimpulse, die die rotblauen Äderchen erhitzen, verödet werden. Man spürt während des Laserimpulses einen Hitzereiz im Gewebe und kann direkt sehen, dass das gelaserte Gefäß zusammen schnurrt. Im Anschluss an beide Methoden dauert es einige Wochen, bis die nun verschlossenen Gefäße vom Körper langsam abgebaut werden.

Frau Germer: Können wir direkt damit anfangen?

Ärztin: Bevor Sie sich dieser Behandlung unterziehen, müssen wir herausfinden, ob Sie noch größere Krampfadern haben, die die Besenreiser aus der Tiefe unter Druck setzen.

Frau Germer: Aber man sieht doch keine Krampfadern.

Ärztin: Am rechten Unterschenkel schimmert eine weite Ader durch die Haut. Das sehe ich schon mit bloßem Auge. Sie ist allerdings noch nicht so dick, dass sie heraustritt oder gar geschlängelt ist. Und auch an anderen Stellen könnten bereits Klappen defekt sein. Um das herauszufinden, sollten wir eine Ultraschalluntersuchung der Venen durchführen. Dazu verwendet man einen sogenannten Venendoppler, mit dem man die Fließgeräusche des Blutes im Gefäß genau hören kann oder den Venenduplex, dabei kann man wie in anderen Ultraschalluntersuchungen auch, das Gefäß bildlich darstellen und den Blutfluss farbig kodieren.

Frau Germer: Was ist, wenn Sie da was finden?

Ärztin: Man sollte dann zunächst die größeren Gefäße sanieren. Also beginnende oder manifeste Krampfadern erst behandeln und dann die feinen Besenreiser.

Besenreiser können oftmals auch ohne tiefer liegende Krampfadern auftreten. Aber eben auch in Kombination mit diesen. Wenn man den Druck nicht wegnimmt, kann das Ergebnis weniger effektiv sein. Allgemein gelten reine Besenreiser ohne Krampfadern nicht als krankhaft, sondern eher als kosmetisches Problem. Krampfadern dagegen sollte man sehr wohl behandeln.

Bis vor wenigen Jahren standen nur operative Methoden zur Behandlung von Krampfadern zur Verfügung. Je nach betroffenem Venenabschnitt, wurden die komplette Stammvene, Seitenäste oder Perforansvenen abgebunden und durch ein Stripping (Herausziehen) oder Heraushäkeln entfernt.

Heutzutage gibt es neuere Methoden, die weit weniger blutig und brachial sind. Sie können in rein örtlicher Betäubung und ohne Ausfallzeiten nach der Behandlung durchgeführt werden. Dazu gehören die Schaumverödung und die endoskopische Verödung durch Laser oder Radiofrequenz-Methode mit einer in das Gefäß eingeführten Sonde. Manchmal werden die Methoden auch kombiniert.

Im Anschluss ist das Tragen von Kompressionsstrümpfen für einige Tage bis Wochen für die Ausheilung hilfreich. Kompressionsstrümpfe haben eine stärkere Druckklasse als die Thrombosestrümpfe aus dem Krankenhaus.

Wer unter schweren, müden oder schmerzenden Beinen leidet und vielleicht sogar sichtbare Besenreiser oder Krampfadern sieht, sollte sich an einen Phlebologen (Spezialist für Venenleiden) wenden. Wadenkrämpfe hingegen sind kein typisches Symptom von Krampfaderleiden. Hier könnte z. B. ein Magnesiummangel die Ursache sein.

Es ist sinnvoll, rechtzeitig zu behandeln. Wer sich sagt: „Das Leiden tut ja nicht weh, warum soll ich es dann behandeln.“, liegt in diesem Fall falsch. Die ständige Stauung von Blut und das Ödem im Gewebe führen zu einer Aktivierung von Fibroblasten im Gewebe. Diese Zellen produzieren Bindegewebefasern, die im Verlauf von Jahren zu einer zunehmenden Gewebeverhärtung führen. Diese hat eine Art Vernarbung zur Folge. Die Sauerstoffversorgung im Gewebe ist reduziert, da durch Überwässerung und Verhärtung des Gewebes die Wanderwege für den Sauerstoff zu lang werden. Zusätzlich entstehen freie Radikale im Gewebe. Das sind aggressive Sauerstoffspezies, die weitere Gewebeschäden und Gewebealterung hervorrufen.

Klinisch präsentieren sich Betroffene häufig mit Infektionen im Bereich der Füße, also mit hartnäckigen Warzen, therapieresistentem Nagelpilz oder immer wiederkehrendem Fußpilz. Auch bakterielle Zehenzwischenrauminfektionen sind gehäuft. Die Stauung im Unterschenkel führt zu trockener Beinhaut und Stauungsekzemen. An den Füßen treten zunehmend blaue Adern hervor. Kleine Blutpunkte, die der Körper nur sehr langsam abbauen kann, lagern sich ockerfarben in der Haut ab und führen zu einem organge-rot-gelben Sprenkelmuster.

Nach Jahren entwickeln sich weiße Verfärbungen, die flächenhaften Vernarbungen entsprechen, und das gefürchtete offene Bein, Ulcus cruris. Dazu muss es heutzutage jedoch nicht mehr kommen. Krampfadern, die nach einer tiefen Beinvenenthrombose auftreten, sind schwierig und oft gar nicht behandelbar, da sie wichtige Umgehungskreisläufe sind, deren tiefer Abfluss verstopft ist. In diesem Fall müssen Kompressionsstrümpfe getragen werden. Ansonsten sind alle Krampfadern behandelbar und fehlen dem Körper auch nicht, wenn sie ausgeschaltet sind. Es gibt eine Vielzahl an alternativen Wegen und Venen. Die nicht funktionierenden Venen belasten das Gewebe und funktionieren ohnehin nicht mehr, sodass der Körper sie auch nicht vermissen wird.

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